Wer jemanden anruft, sollte seine Worte bereits während des Freizeichens mit Bedacht wählen. Es besteht ein technisches Risiko, dass das Smartphone die Stimme des Anrufers bereits überträgt, noch bevor der Angerufene den Hörer abnimmt.
Technische Ursache: Wenn das Netz hinkt
Verantwortlich für diese Sicherheitslücke ist ein Synchronisationsfehler bei der Datenübertragung. Mobilfunknetze nutzen zwei getrennte Kanäle: einen für die Steuerungssignale (wie das Freizeichen) und einen zweiten für die eigentliche Sprachübertragung.
Wenn diese beiden Kanäle nicht exakt synchron laufen, kann das System das Mikrofon vorzeitig aktivieren. Der Anrufer hört weiterhin das gewohnte Freizeichen, während am anderen Ende der Leitung das Mikrofon bereits aktiv geschaltet wurde.
Gernot Kubin vom Institut für Signalverarbeitung und Sprachkommunikation der TU Graz bestätigt das Phänomen. „Es kann sein, dass diese beiden Daten-Kanäle nicht genau synchron laufen. Dann ist damit zu rechnen, dass eine Systemkomponente schon früher umschaltet und das Mikrofon offen ist“, erklärt der Experte.
Schutz vor “Silent Calls” und ungewolltem Mithören
Besondere Vorsicht ist bei Anrufen in Callcentern geboten. Hier können Mikrofone technisch so konfiguriert sein, dass sie Anrufer bereits vor der Annahme des Gesprächs analysieren. Um peinliche Situationen oder unerwünschte Übertragungen zu vermeiden, empfiehlt Kubin eine einfache Regel: Schweigen Sie konsequent, bis das Gegenüber hörbar abhebt und sich meldet.

Die Gefahr durch KI-Stimmenklone
Das Risiko geht über das bloße Mithören hinaus. Cyberkriminelle nutzen zunehmend künstliche Intelligenz, um Stimmen täuschend echt zu kopieren. Bereits kurze Sprachproben – etwa von Voicemail-Begrüßungen oder eben ungewollt übertragenen Telefonaten – genügen, um KI-Modelle zu füttern.
Experten des IT-Sicherheitsunternehmens Kaspersky warnen vor dieser Form des „Vishing“ (Voice-Phishing). Betrüger simulieren damit Familiennotfälle oder geben sich als Vorgesetzte aus, um Opfer unter massiven emotionalen Druck zu setzen.
Im Zweifelsfall sollte das Telefonat sofort beendet und der vermeintliche Anrufer über eine bereits gespeicherte, verifizierte Nummer zurückgerufen werden. Ein innerhalb der Familie vereinbartes Codewort kann helfen, die Identität des Anrufers im Ernstfall schnell zu prüfen.
