Gletscherschwund in den Alpen: Rekordschmelze legt jahrzehntealten Alpinisten-Müll frei

Freigelegte Konservendosen aus den 1950er bis 1980er Jahren am Glacier Blanc.

Der aktuelle Rekordsommer fordert seinen Tribut in den Hochalpen. Besonders betroffen ist das Massiv der Barre des Écrins in den französischen Dauphiné-Alpen. Der 4102 Meter hohe Gipfel, der als südlichster Viertausender der Alpen bekannt ist, steht derzeit nicht nur wegen seiner beeindruckenden Lage im Fokus, sondern auch wegen einer unschönen Entdeckung am Fuße seines Gletschers.

Berge von Konservendosen vergangener Jahrzehnte wurden am Glacier Blanc durch die Gletscherschmelze freigelegt.
Durch den Rückzug des Gletschereises kommen massenhaft Konservendosen aus vergangenen Jahrzehnten zum Vorschein.

Seit der Erstbesteigung im Jahr 1864 ist die Barre des Écrins ein Anziehungspunkt für Bergsteiger. Der Weg zur Berghütte Refuge des Écrins auf 3170 Metern Höhe führt direkt über den Glacier Blanc. Doch der Gletscher zieht sich drastisch zurück. Begünstigt durch Temperaturen, bei denen die Null-Grad-Grenze zeitweise über die 5000-Meter-Marke stieg, schmilzt das ewige Eis in beängstigendem Tempo.

Ein graues Erbe kommt zum Vorschein

Was unter der Eisschicht zum Vorschein kommt, ist ein ökologisches Armutszeugnis vergangener Jahrzehnte. An den Seitenmoränen des Glacier Blanc liegen verrostete Konservendosen, die Bergsteiger dort schätzungsweise zwischen den 1950er und 1980er Jahren zurückgelassen haben. Damals waren diese Abfälle unter meterdicken Schneeschichten und Gletschereis begraben.

Die Bilder, die der Walliser Berginfluencer Davide Marcucci auf Instagram verbreitete, gingen schnell viral. Ein Meteorologe des italienischen Senders Rai kommentierte die Situation treffend: „Wahrscheinlich hätte sich derjenige, der vor einigen Jahrzehnten all diesen Abfall auf über 3000 Metern Höhe zurückgelassen hat, nicht vorstellen können, dass der Klimawandel alles – mit Zinsen – zurückbringen würde.“

Aufräumarbeiten im Hochgebirge

Der Nationalpark Écrins kämpft seit Jahren gegen dieses „Eis-Archiv“ aus Müll. Neben Dosen finden sich regelmäßig zerbrochene Tourenski und andere Relikte längst vergangener Expeditionen. Um der Lage Herr zu werden, setzt der Park verstärkt auf die Mithilfe von Wanderern und Bergsteigern.

Die Barre des Écrins ist der markanteste Berg der südöstlichen Alpen. Der Gletscher Glacier Blanc unter dem Gipfel wurde zur Muldhalde.
Die Barre des Écrins und der unter ihr liegende Glacier Blanc bilden die Kulisse für die Müllfunde.

Bereits im Sommer 2022 wurden bei einer großangelegten Aktion rund 1400 Kilogramm Müll durch etwa zwanzig Freiwillige gesammelt. Das Prinzip ist simpel: Wanderer nehmen leere Müllsäcke an den Hütten entgegen und geben diese bei ihrer Rückkehr gefüllt wieder ab. „Jedes Stück Müll, das Sie auf Ihrer Wanderung einsammeln, ist ein Stück weniger in der Natur“, appelliert die Parkverwaltung.

Die Verantwortlichen sind sich jedoch bewusst, dass diese Maßnahmen nur kurzfristig helfen. Solange der Gletscher weiter schmilzt, wird er kontinuierlich weiteren Unrat aus den letzten hundert Jahren freigeben. Die klimatischen Veränderungen machen die Alpen somit zunehmend zu einer unberechenbaren Umgebung, in der nicht nur historischer Müll, sondern auch die Überreste verunglückter Bergsteiger aus vergangenen Jahrzehnten wieder zum Vorschein kommen.

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