Bluthochdruck-Therapie: Ist ein Zielwert unter 120 mmHg wirklich das neue Optimum?

Grafische Darstellung von Blutdruckmesswerten und Gefäßgesundheit.

In Deutschland ist jeder dritte Erwachsene von Bluthochdruck betroffen. Oft bleibt die Erkrankung jahrelang unbemerkt, da sie schleichend verläuft. Doch der „stille Killer“ schädigt langfristig lebenswichtige Organe wie das Herz, das Gehirn, die Nieren und die Augen.

Als wichtigster Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle ist die Kontrolle der Blutdruckwerte essenziell. Doch die Definition des „idealen“ Wertes bleibt in der medizinischen Fachwelt Gegenstand hitziger Debatten.

Blutdruck: Die Einordnung der Messwerte

Der Blutdruck setzt sich aus zwei Werten zusammen: dem systolischen (oberen) Druck während der Herzanspannung und dem diastolischen (unteren) Druck in der Entspannungsphase. Die Deutsche Herzstiftung gibt für die Einordnung folgende Richtwerte vor:

  • Optimal: unter 120/70 mmHg
  • Erhöht: 120-139/70-89 mmHg
  • Bluthochdruck Grad 1: 140-159/90-99 mmHg
  • Bluthochdruck Grad 2: 160-179/100-109 mmHg
  • Bluthochdruck Grad 3: über 180/110 mmHg

International variieren diese Standards. In den USA beispielsweise gilt bereits ein Wert ab 130/80 mmHg als Bluthochdruck.

Neue Forschungsergebnisse aus China

Eine in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie untersucht nun, ob auch Patienten mit bestehender Hypertonie von einem Zielwert unter 120 mmHg profitieren könnten. An der Untersuchung nahmen 11.255 Patienten mit einem Durchschnittsalter von knapp 65 Jahren teil.

Die Probanden wurden in zwei Gruppen unterteilt: Eine Gruppe strebte einen systolischen Wert von unter 120 mmHg an, während die Kontrollgruppe die Standardtherapie mit einem Zielwert unter 140 mmHg erhielt. Nach etwa 3,4 Jahren zeigte sich:

Bluthochdruck-Therapie: Ist ein Zielwert unter 120 mmHg wirklich das neue Optimum?
  • In der intensiv behandelten Gruppe traten bei 9,7 Prozent schwere Herzerkrankungen auf.
  • In der Standardgruppe lag dieser Wert bei 11,1 Prozent.

Die Studienautoren folgern, dass eine strengere Blutdruckeinstellung schwere vaskuläre Ereignisse verhindern kann, ohne das Risiko für die Patienten signifikant zu erhöhen.

Experten mahnen zur Vorsicht

Heribert Schunkert, Kardiologe und Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am Deutschen Herzzentrum der TU München, warnt vor einer pauschalen Umsetzung dieser Ergebnisse. Er zeigt sich überrascht über das Fehlen von Nebenwirkungen in der Studie.

„In der klinischen Praxis beobachten wir bei einer sehr starken Absenkung des Blutdrucks häufig Probleme wie Schwäche, Kraftlosigkeit oder eine Verschlechterung der Nierenwerte“, so Schunkert gegenüber Focus Online. Besonders bei älteren Patienten sei ein zu niedriger Blutdruck oft kontraproduktiv.

Sein Rat: Wenn Patienten die Therapie gut vertragen, ist ein Wert von 120 mmHg ein erstrebenswertes Ziel. Führt die Behandlung jedoch zu Beschwerden, sei ein Wert um 130 mmHg ein akzeptabler Kompromiss. Kritisch wird es jedoch bei Werten oberhalb von 135 mmHg, da hier das Risiko für Folgeerkrankungen deutlich ansteigt.

Heim-Messung als Goldstandard

Für den Alltag in Deutschland gilt: Um eine korrekte Diagnose zu stellen, sollten Patienten den Blutdruck regelmäßig zu Hause messen. Als Bluthochdruck gilt ein Durchschnittswert von über 135/85 mmHg, gemessen über sieben aufeinanderfolgende Tage. Dieser Wert liegt bewusst unter dem in der Arztpraxis, da dort durch die Aufregung oft höhere Werte („Weißkittel-Effekt“) gemessen werden.

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